EXPOSÉ

Susanne Hübner (überarbeitete Version von 2015)

Was lässt sich von der Psychoanalyse aus über die Gewalt sagen? Was kann sie zu anderen Lesarten und Diskursen beitragen? In welchem Verhältnis steht sie zur Politik? Wo trifft sie sich mit den Kulturwissenschaften?

Die Aus- und Einbrüche brachialer Gewalt in Europa machen uns nicht nur betroffen, sie betreffen uns in unserem Sein in der Welt, im Verständnis unserer Selbst, in der Haltung gegenüber den `bleibenden Fremden´ aus anderen Ländern, in unseren Praxen über die Phantasmen unserer Klienten, Studenten und Patienten, in der Belebung der Traumen von Flucht und Krieg der vorangegangenen Generationen, wie in der Sorge um die jungen und die kommenden Generationen. Die Koordinaten unserer Werteordnungen sind ins Wanken geraten. Mit den Attentaten wurden Bezugsgrößen aufgesprengt, in denen wir uns sicher wähnten. Die Gewalt wird sich weder mit Waffen exportieren, noch mit Migranten abschieben lassen. Für die neuen Verhältnisse muss erst noch ein Diskurs geschaffen werden.

Das Trauma der Gewalt in der Begegnung mit dem Anderen ist der Geschichte der Menschheit vom ersten Wort an eingeschrieben. Politik, Religion, Ethnologie, Geistes- und Kulturwissenschaften, Kunst und Literatur haben es aus ihren jeweiligen Traditionen heraus zu fassen gesucht. Das Werk von Emmanuel Levinas, um Namen zu nennen, zentriert sich nach der Schoah unter dem Schock ihres totalen Verlustes auf die Frage nach der Mitmenschlichkeit. In der Konsequenz seines Denkens steht eine radikale Subjektivität, aber auch Verantwortung für den Anderen. Pierre Legendre untersucht die fiktiven Grundlagen der instituierten Gewalt als conditio humana. René Girard sieht in der Ausbreitung von Gewalt ein mimetisches Begehren am Werk. Positionen, die es zu befragen gilt.
Der der Psychoanalyse spezifische Beitrag ist die Herausstellung der Bedeutung des Anderen als struktureller Moment in der Subjektkonstitution. Bei Freud steht die Identifizierung mit dem Anderen als Rest der Trauerarbeit in der Funktion der Charakter- aber auch der Massenbildung. Mit dem Über-ich ist die Gewalt verinnerlicht.
Mit Lacan verorten wir das Subjekt zwischen den Koordinaten des kleinen und des Großen Anderen. Will sagen: Gespalten zwischen dem Feld des Imaginären, dem unsere Sinne angehören und dem rätselhaften, anderen Ort, von dem Sprache, Begehren und Gesetz ausgehen.
Was steht auf dem Spiel, wenn diese Relationen mit Gewalt von Ideologien vereinnahmt werden?

Das Symposium sucht Annäherung an die Thematik von verschiedenen Positionen in Psychoanalyse und Kulturwissenschaften aus, mit der Frage, ob und wie sie sich begegnen können.

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