Zur Aktualität der Gewalten

Alain Vanier  (Eröffnungsvortrag)

Indem er in seiner Antwort auf Einstein Recht mit Gewalt verbindet, kommt Freud, nach Totem und Tabu und der ursprünglichen Mordtat, auf die fundamentale Frage nach dem sozialen Band zurück, auf die Gewalt, die es gleichzeitig begründet und bedroht, sowie auf das, was sie reguliert.
«Gewalt wird gebrochen durch Einigung», weil «…es nicht mehr die Gewalt eines Einzelnen ist, die sich durchsetzt, sondern die der Gemeinschaft» 1; so garantiert die Gewalt das Recht. Aber er fügt hinzu: «Es ist ein Fehler in der Rechnung, wenn man nicht berücksichtig, daß Recht ursprünglich rohe Gewalt war und noch heute der Stützung durch die Gewalt nicht entbehren kann2


Aber was ist die Natur dieser Gewalt? Ist es eine oder sind es mehrere?
Lacan unterstreicht mit Freud, dass der Krieg eine der Formen des menschlichen Umgangs (commerce) ist und dass er tief in den Strukturen des Austauschs wurzelt, von dem er eine seiner Modalitäten ist.
Aber wenn nach Freud der Zusammenschluss einer Gruppe immer auf dem Ausschluss einer anderen beruht, die den ganzen Hass polarisiert, wie steht es dann heute, in Zeiten der Globalisierung, wo die Grenzen und Traditionen uns nicht mehr vom Anderen trennen; in diesen Zeiten, wo man sich vermischt, wo sich der wachsende Individualismus padoxerweise auf einen Körper bezieht, der als ein organisches Material begriffen wird, als Kanonenfutter der modernen Kriege, wo die Unterscheidung von militärischer und ziviler Funktion – sich einer Intuition Walter Benjamins fügend – subvertiert wird?

1 S.F.(1932), Warum Krieg? G.W. XVI,S.15.
2 ebd.,S.15.n

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